Wer als Wolf Schulkreide frisst, erntet eine verführerische Stimme, die alles Fragen nach dem Anderen in staunenden Gehorsam verwandelt, die es sogar möglich macht, das eigene Geschlecht zu wandeln. Anders als im Märchen erzählt, hat Rotkäppchen damals wohl mitgespielt. D.h. die Sache ist anders verlaufen: Beide haben mit Steinen nach ihren Verfolgern geworfen, die sich schließlich in den von Prinzipien ausgetrockneten Brunnen flüchteten. Die beiden haben sich selbst überstiegen, und Jahre später zeigt Rotkäppchens Tochter selbstbewusst die Wolfsohren. Sie lässt sich für ihr Begehren oder ihre Schönheit nicht mehr steinigen. 

Prinzipien sind Regeln, die sich verselbständigt haben, die sich und alles um sie herum binden, aus Prinzip. Und weil sie immer gelten wollen, haben sie Reiter engagiert, einen jungen und einen etablierten Philosophen, die nicht merken, wie sie selbst zum Pferd werden. Prinzipien aber atmen ihren Verstoß gleich mit aus und ein. Ihr Geltungsbewusstsein gleicht einer Krankenschwester, die ihr unberechenbar weibliches Prinzip nutzt, die aktive Angst in diffuse Geduld zu verwandeln.

Aber wo ist Gott? Der, der alles in der Hand hat, der ins All projizierte Fluchtpunkt des Betrachters, die Instanz hinter dem Auge? Es gibt ihn nur als Le( )rstelle, sicher nur als den Hausmeister Gottes, der von allem unbeeindruckt – wenn auch nur auf Vorgartenniveau – Ordnung hält. Sein verhasster Kumpane ist der Freund der Schwerkraft, der alles nageln muss, Spießbürger und Versicherungsagent, der einzige mit Überblick, weil er sich nicht vorstellen kann, dass die Kulisse auch ein Dahinter hat. Wie soll es auch möglich sein, sich in die eigene Wahrnehmung zu stellen, d.h. wahrzunehmen und gleichzeitig zu bemerken, wie man wahrnimmt oder gar in der Wahrnehmung wahrgenommen wird?

Der Junge und das Mädchen, der eine ein offenes männliches Prinzip, die andere ein offenes weibliches, beide noch androgyn, mögen diesen Wechsel der Perspektiven noch ahnen, bevor sie zu El Toro und Bella Donna werden. Als solche sind sie bereits auf Drogen gesetzt, Medien der Medien – es sei denn, ihr nach außen ausgeprägtes und verführerisches Prinzip ist Modell, eine selbstbewusste Setzung und Ent-Scheidung, die nicht ihnen sondern nur den anderen weh tut. Als solche wären sie Kunstfiguren – die nicht existierten, es sei denn als in der eigenen und der Bewunderung der Anderen Angewendete. Müssen die beiden noch Masken tragen, vermag Beauty Queen bereits durch den Spiegel zu gehen. Als schönste Frau ist sie ein Mann.

Und wo ist der Künstler? Er ist immer noch Avantgardist, allerdings einer der Methoden von Kunst – auch eine Form der Anwendung. Dekonstruktion als Tätigkeit fällt ihm noch schwer, denn die materialisierte Form verführt nun mal zum Objekt und sabotiert somit die Unterwerfung, das Subjekt. Dass man mit Filzmantel und Spazierstock all die Kojoten zu besseren Menschen machen könnte, ist ein religiöses Verständnis von Kunst, das auch das Orakel zum Schweigen bringt. Da bildet sich nichts. Ein solcher Kojote verkäme zum treuen Hund, dem der aufgesetzte Trichter das Fressen und Beißen verunmöglicht.

Der einzige Gewinner in dieser Welt aus Selbstverständlichkeiten von Fehlern, ist wohl der Globalist. Als rumpfloser Kopf, liegt er überall herum, ist Spielball und Wurfgeschoss, Fernsehattrappe, Luftblase, die lächelnd in den Himmel steigt, das Seil von Kontrollmäusen gehalten.

 

(Das hier aufgeführte Personal von Carsten Weitzmann (insgesamt 20 Figuren) ist eine Bilder-Bevölkerung - nicht als Ergebnis einer systematischen Analyse oder eines Gesellschaftsentwurfes, sondern einer kritisch empathischen Beobachtung. Sie sind gleichsam im Koordinatensystem verschobene Typen, die deswegen abseitig sind – ohne es zu merken. Trotzdem bilden sie als stellvertretende Prinzipien ein kommunizierendes System von Verhalten und Verhältnissen, das scheinbar keine Ethik sonder nur Realitäten kennt. Weitzmann ist damit ein undogmatischer Bilder-Erzähler, der sich den moralischen Zeigefinger abgebrochen hat. Weder wehrt er sich gegen diese Verhältnisse, noch greift er ein. Eher steht er verlaufen – aber mit beiden Beinen – im dichten Wald der Zustände und hält seinen feuchten Mittelfinger in die Luft, um zu spüren, woher der Wind weht.)